Wer sich für eine Schauspielausbildung interessiert, merkt schnell: Es gibt viele Ausbildungswege, aber sie unterscheiden sich stärker, als es auf den ersten Blick scheint. Staatliche Universitäten, eine private Schule mit staatlicher Anerkennung, zahlreiche private Schulen ohne diese Anerkennung, dazu Workshops und Kurse. Die Ausbildungswege unterscheiden sich vor allem durch ihren Abschluss und dessen rechtliche Wirkung.
Dieser Beitrag gibt zunächst einen allgemeinen Überblick über die Ausbildungswege und die rechtlichen Grundlagen, bevor er die Schauspielschulen in Wien im Detail vorstellt. Ein kurzer Blick auf die Situation im übrigen Österreich und in Deutschland rundet den Überblick ab.
In diesem Beitrag:
- Schauspiel als freier Beruf
- Warum eine fundierte Schauspielausbildung den Unterschied macht
- Die Ausbildungswege im Überblick
- Rechtliche Grundlagen: Öffentlichkeitsrecht, Bühnenreifeprüfung, Paritätische Kommission
- Schauspielschulen in Wien im Vergleich
- Schauspielausbildung außerhalb Wiens und in Deutschland
- Welche Schauspielausbildung passt zu dir?
Schauspiel als freier Beruf
Im deutschsprachigen Raum ist der Beruf Schauspieler oder Schauspielerin nicht geschützt. Jede und jeder darf sich so nennen, unabhängig von Ausbildung oder Erfahrung. Das gilt auch für den Unterricht: Auch Schauspiel unterrichten darf grundsätzlich jede und jeder, ganz ohne Qualifikationsnachweis.
Diese Offenheit hat zwei Seiten. Sie ermöglicht unkomplizierten Zugang zum Berufsfeld, macht aber auch schwer erkennbar, welche Schauspielausbildung tatsächlich auf professionellem Niveau vorbereitet. Damit hängt auch ein hartnäckiges Gerücht zusammen: dass man Schauspiel eigentlich gar nicht lernen könne, sondern entweder talentiert sei oder nicht. In über 35 Jahren als Schulleiterin habe ich das immer wieder gehört, meist von Menschen, die selbst nie eine fundierte Ausbildung durchlaufen haben. Wer einmal miterlebt hat, wie sich Stimme, Körper und szenisches Denken über Jahre hinweg gezielt entwickeln lassen, weiß: Talent ist der Ausgangspunkt, nicht das Ergebnis.
Wer eine Schauspielschule in Wien sucht, sollte deshalb wissen, wonach sich Qualität und Anerkennung objektiv bemessen lassen, unabhängig davon, wie eine Schule sich selbst beschreibt.
Warum eine fundierte Schauspielausbildung den Unterschied macht
Stimme, Sprache und Körper sind die Werkzeuge des Berufs. Ohne systematisches Training zeigen sich ihre Grenzen oft erst in der Praxis: eine Stimme, die nach wenigen Vorstellungen versagt, ein Sprechen, das im Film oder auf der Bühne unverständlich bleibt, eine körperliche Präsenz, die auf Dauer nicht trägt.
Eine fundierte Schauspielausbildung vermittelt genau diese Grundlagen, geht aber deutlich darüber hinaus. Dazu gehören Rollen- und Textarbeit, also das genaue Verständnis einer Figur und ihrer Sprache, ebenso wie Partnerarbeit und Improvisation, die das Reagieren im Moment schulen. Konzentration und Präsenz lassen sich trainieren wie ein Muskel. Auch Szenenentwicklung und der Probenprozess selbst, das gemeinsame Erarbeiten einer Rolle über Wochen oder Monate, folgen einer eigenen Handwerkslogik.
Was mir in Aufnahmegesprächen immer wieder auffällt: Viele Bewerberinnen und Bewerber bringen echtes Talent mit, aber wenig Erfahrung darin, dieses Talent über einen längeren Probenprozess hinweg zu tragen. Genau das ist es, was eine Ausbildung leistet, sie macht aus einem einzelnen guten Moment eine verlässliche Fähigkeit.
Die Ausbildungswege im Überblick
In über 35 Jahren als Schulleiterin habe ich erlebt, dass sich viele Bewerberinnen und Bewerber zuerst fragen, welche Schauspielschule in Wien die beste ist. Die wichtigere Frage lautet oft: Welche Ausbildung passt wirklich zu mir? Dafür hilft es, die vier grundsätzlichen Ausbildungswege zu kennen.
Staatliche Universitäten bieten ein Schauspielstudium mit akademischem Grad (Bachelor of Arts) und sind Teil des öffentlichen Hochschulsystems. In Wien sind das Max Reinhardt Seminar (mdw) und die Musik und Kunst Privatuniversität der Stadt Wien (MUK).
Private Schulen mit Öffentlichkeitsrecht sind staatlich beaufsichtigt und dürfen ein staatlich anerkanntes Abschlusszeugnis ausstellen, allerdings keinen akademischen Grad. In Österreich gibt es genau eine solche Schauspielschule: die Schauspielschule Krauss in Wien.
Private Schulen ohne Öffentlichkeitsrecht unterliegen keiner staatlichen Aufsicht, ihre Abschlüsse gelten nicht als staatlich anerkannt. Wer später an einer Bühne mit Kollektivvertrag arbeiten will, braucht zusätzlich die externe Bühnenreifeprüfung bei der Paritätischen Kommission. Zu dieser Kategorie zählen unter anderem die Schauspielakademie Elfriede Ott sowie eine Reihe weiterer Schulen in Wien.
Workshops, Kurse und Einzelcoachings bieten keine berufsqualifizierende Ausbildung. Sie eignen sich zum Ausprobieren oder zur gezielten Vorbereitung auf Aufnahmeprüfungen, ersetzen aber keinen der drei oben genannten Ausbildungswege.
Neben den rechtlichen Unterschieden variiert auch die Ausbildungsdauer, sie liegt je nach Ausbildungsweg zwischen drei und vier Jahren. Schulgeld ist bei privaten Ausbildungswegen ein Faktor, aber nicht der einzige. Je nach persönlicher Situation kann eine kürzere Ausbildung einen früheren Einstieg in die Berufspraxis ermöglichen. Gleichzeitig profitieren manche Menschen von einer längeren Ausbildungszeit. Wie viel Zeit jemand braucht, hängt von den individuellen Voraussetzungen, der bisherigen Erfahrung und den eigenen beruflichen Zielen ab.
Rechtliche Grundlagen: Öffentlichkeitsrecht, Bühnenreifeprüfung, Paritätische Kommission
Diese drei Begriffe entscheiden darüber, was ein Abschluss der Schauspielausbildung tatsächlich wert ist, und werden in Beratungsgesprächen immer wieder verwechselt. Deshalb der Reihe nach, zuerst einfach erklärt, danach mit den genauen rechtlichen Grundlagen.
Öffentlichkeitsrecht, einfach erklärt: Eine Schauspielschule mit Öffentlichkeitsrecht wird vom Staat regelmäßig kontrolliert und darf dafür ein Abschlusszeugnis ausstellen, das offiziell anerkannt ist, ähnlich wie bei einer öffentlichen Schule. Ohne dieses Recht bleibt ein Abschluss eine private Bestätigung der jeweiligen Schule, mit keiner darüber hinausgehenden rechtlichen Wirkung.
Rechtlich handelt es sich um eine staatliche Anerkennung nach §§ 14 und 15 Privatschulgesetz (BGBl. Nr. 244/1962) sowie dem Bildungsdokumentationsgesetz (§ 3 Abs. 1 Z 7 BILDOK-G). Schulen mit Öffentlichkeitsrecht unterliegen einer regelmäßigen Qualitätskontrolle durch die zuständige Bildungsdirektion. Ihre Abschlüsse sind national und international gültig, ihre Schülerinnen und Schüler haben Zugang zu staatlichen Förderungen wie der Familienbeihilfe, zur edu.card und zur Anrechnung der Ausbildungszeit in der Pensionsversicherung. In Österreich verfügen drei Institutionen über diesen Status im Bereich Schauspiel: das Max Reinhardt Seminar, die MUK und die Schauspielschule Krauss. Universitäten erhalten eine vergleichbare Anerkennung über das Universitäts-Studiengesetz (§ 3 HS-QSG).
Die Bühnenreifeprüfung ist keine schulische Prüfung, sondern eine externe, arbeitsrechtliche Prüfung vor der Paritätischen Kommission. Sie bestätigt, dass jemand im Moment der Prüfung auf der Bühne professionell agieren kann, und öffnet damit den Zugang zu kollektivvertraglich gebundenen Theatern. Sie ist jedoch kein staatlich anerkannter Bildungsabschluss und sagt nichts über eine absolvierte Schauspielausbildung als solche aus. Wer eine private Schule ohne Öffentlichkeitsrecht besucht, benötigt diese Prüfung zusätzlich, um an einer öffentlich geförderten Bühne arbeiten zu können.
Die Paritätische Kommission ist das unabhängige Prüfungsgremium, das die Bühnenreifeprüfung abnimmt. Sie besteht paritätisch aus Vertreterinnen und Vertretern der Arbeitgeber- und Arbeitnehmerseite der Theaterbranche.
Kurz zusammengefasst: Ein staatlich anerkannter Abschluss, sei es von einer Universität oder einer Schauspielschule mit Öffentlichkeitsrecht, verleiht die arbeitsrechtliche Berechtigung automatisch. Ohne diesen Abschluss lässt sich dieselbe Berechtigung nachträglich über die Bühnenreifeprüfung erwerben, unabhängig davon, wie fundiert die vorangegangene Ausbildung war.
Schauspielschulen in Wien im Vergleich
Nach diesem allgemeinen Überblick folgt nun der Blick ins Detail: Wie unterscheiden sich die einzelnen Schauspielschulen in Wien konkret voneinander?
Max Reinhardt Seminar (mdw)
Österreichs traditionsreichste Schauspielschule, Teil der Universität für Musik und darstellende Kunst Wien. Das Schauspielstudium dauert vier Jahre und schließt mit dem Bachelor of Arts ab. Der Fokus liegt auf klassischem Theater, das Aufnahmeverfahren ist mehrstufig und selektiv, die Studienplätze sind stark begrenzt. Als Universitätsstudium ist eine Berufstätigkeit parallel zur Ausbildung kaum möglich.
MUK – Musik und Kunst Privatuniversität der Stadt Wien
Ebenfalls ein vierjähriges Schauspielstudium mit Abschluss Bachelor of Arts. Die Ausbildung ist inhaltlich stärker auf zeitgenössisches Theater und experimentelle Formen ausgerichtet als das Max Reinhardt Seminar. Auch hier ist die Zahl der Studienplätze begrenzt, das Aufnahmeverfahren entsprechend kompetitiv.
Schauspielschule Krauss
Die einzige private Schauspielschule Österreichs mit Öffentlichkeitsrecht. Die Schauspielausbildung dauert drei Jahre und schließt mit einem staatlich anerkannten Abschlusszeugnis ab, nicht mit einem akademischen Grad. Der Unterricht kombiniert Klassen-, Gruppen- und Einzelunterricht, sodass sowohl gemeinsames Arbeiten im Ensemble als auch individuelle Förderung einzelner Schülerinnen und Schüler möglich ist. Wie bei den beiden Universitäten unterliegt auch diese Schule aufgrund des Öffentlichkeitsrechts einer regelmäßigen Qualitätskontrolle durch die Bildungsdirektion. Anders als bei den Universitäten fällt Schulgeld an, dessen aktuelle Höhe auf der Website der Schule veröffentlicht ist.
Schauspielakademie Elfriede Ott
Private Schule ohne Öffentlichkeitsrecht, dreijährige Vollzeitausbildung, gegründet von der Schauspielerin Elfriede Ott. Die Ausbildung schließt mit der externen Bühnenreifeprüfung bei der Paritätischen Kommission ab, nicht mit einem staatlich anerkannten Diplom. Für die arbeitsrechtliche Anerkennung an kollektivvertraglich gebundenen Bühnen ist diese Prüfung notwendig.
Weitere private Schauspielschulen in Wien
Daneben gibt es in Wien eine Reihe weiterer privater Anbieter, etwa die Bilinguale Schauspielakademie für Bühne und Film, die Schule des Theaters, die Open Acting Academy, die Schauspielschule Pygmalion, die Schauspielschule Wien, die Filmschool Vienna und Schauspielwerk. Sie unterscheiden sich in Dauer (meist ein bis drei Jahre), Schwerpunkt und Format, teilen aber das rechtliche Merkmal, dass ihre Abschlüsse nicht staatlich anerkannt sind. Für kollektivvertraglich gebundene Engagements ist auch hier die Bühnenreifeprüfung erforderlich.
Ein Hinweis zur Werbung mancher Anbieter: Nicht jede Bezeichnung, die nach „staatlich anerkanntem Diplom“ klingt, ist tatsächlich eines. Nur Universitäten und Schulen mit Öffentlichkeitsrecht dürfen einen staatlich anerkannten Abschluss ausstellen. Die Bühnenreifeprüfung ersetzt das nicht.
Workshops und Kurse
Themenspezifische Kurse, Workshops und Einzelcoachings, etwa bei Your Acting Coach Vienna, Schauspiel-Labor Wien oder Theater Wozek, dauern von wenigen Stunden bis zu einem Semester und enden meist ohne oder mit einer bloßen Teilnahmebestätigung. Sie eignen sich zur Orientierung oder zur gezielten Vorbereitung auf eine Aufnahmeprüfung, sind aber kein Ersatz für eine vollständige Schauspielausbildung.
Schauspielausbildung außerhalb Wiens
Auch abseits von Wien gibt es Möglichkeiten für eine professionelle Schauspielausbildung: die Universität Mozarteum Salzburg mit Anbindung an das Musiktheater, die Kunstuniversität Graz im Rahmen des Studiums „Darstellende Kunst“ sowie die Anton Bruckner Privatuniversität Linz mit Kooperationen zu Theatern wie dem Landestheater Linz. In Graz, Linz und Innsbruck gibt es zudem private Schulen ohne Öffentlichkeitsrecht. Insgesamt ist die Zahl staatlich anerkannter Schauspielschulen in Österreich deutlich kleiner als im Bereich Musik.
Im Vergleich: Deutschland
Deutschland bietet ein größeres und differenzierteres Angebot an Schauspielausbildung, unter anderem wegen der höheren Bevölkerungszahl und Fläche. Staatliche Schauspielhochschulen wie die Hochschule für Schauspielkunst „Ernst Busch“ Berlin, die Universität der Künste Berlin, die Folkwang Universität der Künste oder die Otto-Falckenberg-Schule München genießen hohes Ansehen. Ein wichtiger struktureller Unterschied zu Österreich: Deutschland hat die paritätische Kommission und die Bühnenreifeprüfung 1991 abgeschafft. Absolventinnen und Absolventen privater Schulen ohne Öffentlichkeitsrecht müssen ihre Bühnentauglichkeit seither anders nachweisen, etwa über die 2010 eingeführte, unabhängige Siegelprüfung des Schauspielschulverbands VdpS.
Welche Schauspielausbildung passt zu dir?
Es gibt keine Schauspielschule in Wien, die für alle die richtige ist. Entscheidend ist, dass deine Ausbildung zu deinen Zielen, deinen Möglichkeiten und deiner Persönlichkeit passt. Ein akademisches Schauspielstudium ist für viele der richtige Weg, für andere passt eine staatlich anerkannte Berufsausbildung an einer Schauspielschule besser. Welche Ausbildung sinnvoll ist, hängt nicht davon ab, ob sie an einer Universität oder einer staatlich anerkannten Schauspielschule stattfindet, sondern von den persönlichen Zielen, den eigenen Voraussetzungen und dem gewünschten Berufsweg. Diese Fragen helfen dir bei der Entscheidung:
- Ist mir ein staatlich anerkannter Abschluss wichtig, oder komme ich auch über die Bühnenreifeprüfung zum gewünschten Berufszugang?
- Passt eher ein akademisches Schauspielstudium mit Bachelor-Abschluss zu mir, oder eine Ausbildung ohne akademischen Grad?
- Welche inhaltlichen Schwerpunkte sind mir wichtig, etwa klassisches Theater, zeitgenössisches Theater oder Film?
- Kann ich mich auf eine Vollzeitausbildung konzentrieren, oder brauche ich die Möglichkeit, nebenbei zu arbeiten?
- Wie lange will und kann ich mich ausbilden lassen, und ist die Ausbildung für mich finanzierbar?
Zur Vorbereitung auf die Aufnahmeprüfung, die an den meisten Wiener Schauspielschulen erforderlich ist, findet sich mehr im Beitrag Aufnahmeprüfung an Schauspielschulen: Tipps, Ablauf & Vorbereitung.
Verbreitete Missverständnisse zum Thema behandelt der Beitrag „8 Mythen über Schauspielschulen“.
Schlusswort
„Der Weg in die Schauspielerei erfordert mehr als Talent. Es braucht den Raum, in dem du dich vollkommen entfalten kannst. Wähle eine Schule, die dir nicht nur eine fundierte Ausbildung vermittelt, sondern auch ein Umfeld bietet, in dem du dich wirklich wohlfühlst. Es muss nicht immer die elitärste Schule sein, sondern die richtige für dich, die dir den Raum gibt, kreativ zu wachsen und deine Persönlichkeit zu entwickeln. Denn nur wenn du dich dort auch ‚zu Hause‘ fühlst, kannst du dein volles Potenzial entfalten und den Grundstein für eine Karriere für’s Leben legen.“
Michaela Krauss-Boneau, Direktorin der Schauspielschule Krauss